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Callas

in Titel von Marc Omar, Hamburg

Macbeths Todesschrei. Callas’ Stimme durchströmt die Dunkelheit der Halle – eine riesige, leere Fabrik. Tropfender Stein, und inmitten dessen dieser Klang. Die Frau des Teufels singt – nein, ihre Stimme hallt wider, von betörender Schönheit an den Wänden; Verdis zarte Töne und das Zusammenspiel der Instrumente zeichnen die Tragödie nach, den Augenblick des Todes selbst. Diesen letzten Aspekt des Lebens vernehmen, noch ehe er einen selbst ereilt. Ein manisches Tempo durch die Hallen: feste Schritte, aufbrandende musikalische Passagen, ein dröhnender, bedrohlicher Klang. Sie steht allein in der Mitte. Zart in einem langen, entrückten Gewand, beleuchtet vom Mondlicht, das durch die Decke fällt. Catalanis Violinen setzen ein – tiefe Töne, die Anfangstakte von *La Wally*. Schritt für Schritt kommt es näher – jener kühle Hauch, den sie dort in der Mitte um sich spürt. Sie ist *La Divina*. Schritt für Schritt; ein leises Knacken in der absoluten Dunkelheit. Wassertropfen fallen immer wieder auf den Boden und zersplittern in eine Vielzahl winziger Sterne, die die Endgültigkeit, das Ende widerspiegeln. Die einzigen Zeugen werden vom Erdboden verschwunden sein; niemand ist mehr da, den man fragen könnte, niemand mehr überhaupt. Die tiefen musikalischen Töne gleiten über den Boden und erfüllen den Raum mit warmen Schwingungen. Sie wandern an ihren Beinen empor, schmiegen sich zwischen ihre Schenkel und erreichen das warme Blut ihres Herzens. Die Schönheit der hohen, fast schneidenden Töne trifft ihr Ohr – wild und bebend – und dringt in ihren Geist ein. Alles verschmilzt in ihrem Körper zu einem Klangbild. Dieser Augenblick fordert die Seele. Glück bedeutet, alles andere zu vergessen – reine Hingabe. Ein Schauer durchläuft sie; sie kann nicht unterscheiden, ob es ein Schauer der Wonne oder des Todes ist. Der Tod rückt immer näher, grenzenlos; er ergreift sie und übernimmt die Herrschaft über ihren Körper. Der Traum, die Schönheit, die Klänge, die Bilder und die Gedanken bleiben zurück. Ein schwarzer Arm senkt sich aus der Dunkelheit herab, einen Dolch in der Hand; sie bricht zusammen. Der Vorhang fällt.

© 27.5.2011, Autor: Marc Omar