GDCP int.

Lonesome-Revolverheld

in Titel von Marc Omar, Hamburg

Sam betrat die Bar. So wie ein Mann eine Bar betreten sollte, cool, breitbeinig und das Pferd vor der Tür gelassen. Das war nicht immer so, früher wollte seine Frau immer mit rein. Er geht auf die Theke zu, der schwere Duft der Zigarren, den billigen Stumpen und Whiskey liegt in der Luft. Kein Wunder, den zum Glück stinkt es draußen zu sehr nach Pferdemist, deswegen macht der Wirt auch nie die Fenster auf. Diese konservierte, fast schon museale Luft hat etwas das nach Heimat riecht. Nach dieser Geborgenheit die sich ein Mann so wünscht, sie aber nicht aussprechen darf. Sam atmet tief ein, er geniest diesen stillen Moment des Glücks doch im nächsten Moment zieht ihm eine Fette Rauchschwade einer ebenso fetten Zigarre eines noch fetteren Rauchers ins Gesicht. Er hustet, muss fast kotzen. Röchelnd, endlich männlich klingend will er den Fettwanzt zur Rede stellen. Es ist Big Big Fat. Big Big Fat ist der Großvater von Bigger Fat und Little Piggi Fats Bruder, und mit der war Sam verheiratet, 34 lange Jahre. „Hallo Schwager“, schreit Big Big Fat Sam an, „lange nicht gesehen du Altes Haus“. Was Sam besonders an ihm mochte waren diese abgedroschen Phrasen wie Altes Haus und Dicker Hund. Warum nicht mal “Historische Villa”, “Beleibter Vierbeiner” oder einfach nur Hey Killer. Denn das war Sam, ohja ein wilder Killer im wildesten Westen wie Ihn Karl Mey ihn sich nicht zu denken wagte. Er ist der engagierteste Killer seiner Zeit. Hart, gerecht und blind. Auf sein Konto gehen 345 Mordversuche und ein Verletzter. Das war ein Streifschuss den er sich selber beibrachte als er seine Flinte laden wollte. Ansonsten galt man als Sams potentielles Mordopfer als besonders sicher. Zurück zur Bar, nachdem er sich an Big Big Fat verbeigeschoben, ihn wollte er übrigens schon viermal umlegen und trotzt das Big Big Fat 1,7m x 2m Fläche bietet ist es ihm auch aus 5m Entfernung nicht gelungen. Also weiter an den Tresen, nach diesem Tag gab es nur noch eine wichtige Sache nach dem es ihn gelüstete. Ein Drink, stark, kratzig, billig und alkoholgeladen. Es sollte ihm die Kehle runterlaufen.

Die Bar ist einfach beschrieben, es ist eine dieser typischen Saloon-Nachbauten aus den damals so beliebten Westernromanen in denen eine Welt beschrieben wurde die es so nie gab. Schwingtür, unfreundliches Personal, billige Tische, Marmortresen und diese Frauen: Heiß, ungewaschen und verrucht. Sie hießen Lola oder einfach Baby. Aber nie Doreen oder Mandy. Die Welt hat sich verändert seitdem Sam nicht mehr da ist. Sein letzter, also dieser gerade stattfindende Barbesuch liegt rund 100 Jahre zurück. Das letzte an das sich Sam erinnern kann war dieses enorm pfeifende Geräusch das auf ihn zuschoss und ihn schließlich erschoss.

Ihr wollt wissen wie es da zu kam? Er stand an der Bar Big Big Fat hinter ihm als Ted durch die Saloontür stolperte. Er stolperte nicht ungestüm sondern unwillig. Er wurde gestoßen von Shawn. Shawn, ein stadtbekanntes Rauhbein, Raufbauld, Schürzenjäger und Trinker. Eben ein Mann der nicht alt wird, aber in seinen Stiefeln stirbt. Ted strauchelt auf den ersten Tisch in der nähe des Eingangs zu, Shawn hinterher. Mit einem gekonnten Hüftschwung kickt er Lola, auf seinem Weg an die Bar, an. Sie lächelt wissend, während man Ted noch wie in Zeitlupe durch den Raum fliegen sieht, er über Stühle stolpert – gleitet schon geräuschlos ein glas Burbon den Tresen entlang in Shawns Hände. Unser talentierer mr. Schaafschütze, Sam , beobachtet diese Szene. Die nächsten zwei Stunden passiert nichts. Absolut nichts, bis auf die Ausnahme das Ted immer noch wie in Zeitlupe, jetzt auch mit einigen Salti die seine Schwerelosgkeit untermalen, durch den Raum purzelt, dabei Tische und Stühe ruiniert und er sich immer noch dem enormen Schwung von Shawns Stupser durch die Tür hingibt. Nein – er gibt auf, er fügt sich, lässt sich seinem Schicksal im Raum Zeit Kontinium überlassen. An der Bar bleibt alles ruhig. An einigen Tischen wird Karten gespielt. Pokermon oder so.

In das Dorf zieht plötzlich Wind herein. Der Sand der Straße wird zu einer dichten Staubwolke aufgewirbelt, es verdunkelt sich die Sonne. Plötzlich wird des immer dunkler im Ort ein gespänstische Stimmung breitet sich aus. Selbst im, Saloon wird es plötzlich Still, die Musik verstummt. Lola steht erschrocken am mittleren Pfosten. Shawn lässt seine Hand an die rechte Hüfte gleiten, dort wo sein Revolver in seinem Gürtel ruht. Seine Finger umspielen den Abzug blitzschnell dazu bereit zu ziehen. Draußen ist es mittlerweile tiefschwarz und von der Mittagssonne ist nichts mehr zu erkennen. Man hört aus der Dunkelheit in der Ferne der Prärie ein heulen – Pferdehufe, viele. Shawn und Sam sehen sich an. Zum ersten mal in ihrem Leben sehen sie sich an. Beide haben tiefblaue Augen die sie sind angespannt zu kleinen Schlitzen in ihren vom Leben durchfurchten Gesichtern formen. Ted gleitet derweil in 40cm Höhe über dem Boden an ihnen vorbei. Big Big Fat ist bleich. Kalkweiß steht er in der Mitte des Raumes, dort wo er eben noch das hereinströmende Sonnenlicht zu einem großen Schatten gebrochen hat, ist nichts mehr. Ein schwarzes Loch. Er macht sich auf den Weg nach Draußen. Will sehen was dort vor sich geht. die beiden Männer Sam und Shawn folgen ihm. In der Mitte der Straße angekommen stellen sie sich einer Reihe nebeneinander auf, blicken Richtung Westen in die düstere staubige Dunkelheit. Vor ihnen tut sich etwas, es rasselt, raunt und stöhnt. Hustet und prustet – allen Dreien fährt ein eiskalter Schauder den Rücken runter. Plötzlich kracht ein lebloser Körper vor ihnen auf den Boden. Er muss aus sehr, sehr großer Höhe gefallen sein, er war sehr schnell, doch auch eine Eleganz, wie er da so aufschlug, die expressive Körperhaltung, die ausdruckstarke Figur durch Arme und Beinen geformt deutete auf eine große Körperkunst hin. Oder eben auf eine sehr große Höhe. Die Drei schauen sich an, „Höhe, ja Höhe“ nickt Sam, „ahh weiss nicht“ hebt Big Big Fat an – und da traf es ihn auch schon. Ein schwarzer, geteerter, Pfeil traf ihn in Höhe seines rechten Lungenflügels, leicht oberhalb des Herzens. Bohrte sich in sein Fleisch, besser, erst durch seine fettdurchzogende Titte, brach dann an einer seiner Rippen vorbei und schmierte dabei den heißen schwarzen Belag der glühend an dem Pfeil tropfte in seine Wunde, lief aus, so das sich ein Teil seines dicken Leibes mit Teer füllte. Er, der nie inhaliert hatte, starb an einer Durchlöcherten schwarz geteerten Lunge. Schicksal. Er sank neben den anderen beiden zusammen. Es war der Pfeil des Bösen, des Gottes der Wüste, der Feind der Eisenbahn, der Vorbote des 12 Zylinders, der deutsche Meister. Eine seltsame, fast seherische Eingebung von Shawn, ich hätte ihm solche Sinnestäuschungen gar nicht zugetraut. Denn es war schlicht und einfach eine mächtig große Horde wildgewordener Indianer die ihre Rauchzeichenhandys auf den Pferden dabei hatten. Und deswegen eine mächtig fette Qualmwolke entstehen ließen. Schwuuutz, der zweite Pfeil traf Shawn er sank zusammen, dummerweise wurde er durch die wucht des Pfeils rückwärts aus seinen Stiefeln geworfen, so starb er in Socken. Sam stand der wilden Masse von telefonierenden Indianern nun alleine gegenüber. Er beschloss wieder in den Saloon zu gehen. Wie erstarrt standen sie alle drinnen noch an ihren Positionen, keiner hatte sich bewegt, sich getraut auch nur einen Schritt zu machen. Ted beschleunigte nämlich noch mal seinen Flug und knallte gegen die Pfosten wie eine Billardkugel. Sam schritt an die Theke und griff zu seinem Revolver um zu überprüfen ob er auch ordentlich und vollständig geladen war. Denn eines war noch peinlicher als daneben zu schießen, gar nicht zu schießen. Da hörte er zum ersten mal das schicksalshafte Pfeifen. Es kam näher, sehr schnell, schneller als ein Pfeil. Er zog seine Waffe richtete sie auf die Tür. Dorthin von wo der Feind, der Indianer, die Rothaut, zu erwarten war und feuerte. Traf, den Pfosten, die Kugel schlug durch das Holz, dadurch abgebremst viel sie in ein Glas vom Tisch dahinter, genau in dem Moment wo sein Besitzer einen Schluck nahm. Der starb relativ schnell, erstickt. und Sam hatte seinen ersten Toten. Er nahm sich aber vor das er es als sterben im Kugelhagel weitererzählen wird, ersticken passte nicht in den Wilden Westen. Eine Salve von Pfleilen schlug in der Bar ein, die Flaschen auf den Regalen zerbarsten und der Barmann stand von Alkohol durchnäst verdattert hinter seinem Tresen. Ein paar Scherben steckten in seinem Nacken und kleine Bluttropfen sickerten in sein Hemd. Sam feuerte ein ganzes Magazin leer. Das Pfeifen wurde lauter, Ted glitt gerade auf Lola zu, verfing sich in ihrem Schoß das letzte Stück das er sich in seinem Flug noch bewegte war ein leichtes eindringen, es bremste ihn endgültig, er sank erschöpft zu Boden. Lola auch. Das Pfeifen löste sich in einem dumpfen Einschlag in Sams Brust auf. es Zeriss ihn förmlich. Er fühlte mit seiner Hand an seinen Bauch, es war warm und feucht, Blut quoll aus seinem Leib und durchnässte sein Hemd. er sank zusammen nahm nur noch Dunkelheit war. Tot, ist das letzte Gefühl das er erlebte. Stille, das letzte das er hörte. Am Boden liegend nahm er noch einmal die Kraft für eine letzte Fingerbewegung zusammen und strecke aus seiner schmerzgeballten Faust den Mittelfinger aus. Die Bar wurde Ende des Jahres leider geschlossen.

©2003, Autor: Marc Omar