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„Pan Am 2099“

von Marc Omar, Judith Döker

Serienkonzept: DIE PROTAGONISTEN

Marta (Judith Döker): Mitte 30, patent, zupackend, hat schon alles im Leben gesehen, sämtliche Höhen und Tiefen durchlebt, viel Geld verdient und alles verloren, intelligent, aber nicht im klassischen Sinne gebildet, frühe Karriere als Werbestar, Liebling der Münchner Szene, Absturz folgte mit Mitte zwanzig durch legendäres, unfreiwilliges Interview, das kurzfristig den bunten Blätterwald zum Rauschen brachte. Sie plauderte prekäre Interna über bedeutende Personen der Werbebranche aus und mokierte sich über deren Drogenkonsum und Oberflächlichkeit. Blöd nur, dass sie auch selber nicht mehr ganz nüchtern war und direkt in den Block von „Baby Schimmerlos“ diktierte. Die Werbebranche reagierte prompt – mit der Kündigung all ihrer Werbeverträge. Danach hat sie finanziell nie wieder ein Bein auf den Boden bekommen.

Die letzten 10 Jahre hat sie sich mit mehr oder weniger coolen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Das Geld reichte immer so gerade, um die äußere Fassade aufrecht zu erhalten, d.h. Klamotten und Haarschnitt immer top, aber nicht selten musste sie sich über Wochen mit Ravioli aus der Dose und Scheibletten-Käse begnügen. Ganz zu schweigen von der kargen, winzigen Wohnung, in der sie hauste. Aber diese Zeit hat sie abgehärtet. Sie weiß, dass es immer irgendwie weitergeht. Sie kann herzhaft über sich selber lachen, auch oder gerade wenn sie mal wieder im größten Schlamassel steckt. Dieses Lachen ist nur ein Aspekt ihrer außergewöhnlichen Ausstrahlung. Sie ist zauberhaft und wunderschön. Ihr Mix aus Neugier, vorschnellem Handeln und einer Portion Naivität lassen sie und David immer wieder in Situationen geraten, die irgendwie verfahren sind und eine Herausforderung gegen das süße Nichtstun darstellen.

David (KJ. D.): Anfang 40, nicht klassisch schön, aber attraktiv, er zelebriert la dolce vita, was er sich aufgrund seines familiären Backgrounds auch leisten kann. Er ist der Spross einer Industriellen Dynastie, hat schon früh viel geerbt, an den besten Universitäten studiert und in Harvard abgeschlossen. Aber er ist kein Schnösel und schon gar kein glattgebügelter Karrierist. Er ist Individualist, ein aristokratischer Freak. Er ist wortgewandt, kann äußerst charmant und liebenswert sein, aber im nächsten Augenblick auch zum derben Macho mutieren. David besitzt beste Kontakte, die sogar bis ins Weiße Haus reichen, aber zu seinem Freundeskreis zählen ebenso leichte Mädchen und bodenständige Typen, mit denen er gerne mal in zwielichtigen Spelunken eine Nacht durchpokert. David geht keiner geregelten Arbeit nach. Warum auch? Das Leben hat doch so viel zu bieten – tolle Frauen, magisch schöne Orte, an denen man die Seele baumeln lassen kann, den ersten Drink bei Sonnenuntergang, gutes Essen, schöne Weine, etc. Da wäre beruflicher Ehrgeiz doch die pure Verschwendung, ein Verbrechen am Leben sozusagen. Allerdings spürt David irgendeine diffuse Leere in sich. Tiefenentspannung ist ja gut und schön, aber es muss auch einen Gegenpol dazu geben. Den findet er in Marta. Er ist verzaubert von ihr, auch wenn er sie von Zeit zu Zeit am liebsten zum Teufel schicken würde – immer dann, wenn sie ihn mal wieder so richtig schön auf Trab hält.

DAS BESONDERE Marta und David reisen als „normale Bürger“ durch die Welt und geraten immer wieder in Situationen, die von sozialer Relevanz sind. Das heißt, sie klären nicht - wie in herkömmlichen Krimi- oder Detektivserien - Fälle auf, sondern sie beschäftigen sich mit Problemen und Missständen des Alltags. Dies tun sie aber keinesfalls bewusst, oder suchen gar danach - ganz im Gegenteil. Eigentlich sehnen sich beide danach, sich auf einem schönen Fleckchen Erde endlich mal näher zu kommen, was aber keiner von beiden jemals zugeben würde.

Pan Am reflektiert immer wieder, dass es sich um eine Serie handelt. So zückt David zum Beispiel in einer Folge sein Handy und im Gegenschnitt sehen wir einen telefonierenden Barack Obama (Archivmaterial). Der billigt David mit den Worten „Yes, we can“ seine Hilfe zu und kurze Zeit später kreist der vom amerikanischen Präsidenten gesandte, rettende Helikopter über den beiden.

Oder: Marta hat Geburtstag und das ganze Filmteam singt ihr ein Ständchen. Dieses Stilmittel, was an Brechts episches Theater erinnert, verleiht der Serie einen großen Unterhaltungswert und bringt auf aberwitzige Art und Weise das Publikum dazu, sich der Illusion einer Serie bewusst zu werden und das Dargestellte als Parabel auf allgemeine gesellschaftliche Verhältnisse zu sehen. So wird der Zuschauer auf spielerische Weise sensibilisiert, soziale Missstände wahrzunehmen und Zivilcourage zu entwickeln.

DIE PILOTFOLGE

Marta und David lernen sich während eines Telefonats kennen. Er will ein Buffet für gute Freunde bei einem Edel-Caterer bestellen, sie rät ihm freundlich, aber bestimmt ab und empfiehlt die Konkurrenz. Die beiden liefern sich einen charmanten Schlagabtausch und drei Minuten später hat David Marta eingestellt. Aber als was eigentlich? Diese Frage zieht sich durch alle Folgen der Serie. Marta bereist von nun an mit David die Welt. An ihrem ersten „Arbeitstag“ lässt er sie nach Hongkong einfliegen, weil ein Freund von ihm dort ein Hotel eröffnet.

Während David sich noch mal ein Stündchen aufs Ohr haut, erkundet Marta die Umgebung und trifft auf eine Frau, die einen äußerst verzweifelten Eindruck macht. Da die Frau kein Englisch spricht, ist eine Verständigung nur mit Händen und Füßen möglich. Aber Marta lässt nicht locker. Sie will wissen, was los ist. Sie zerrt David aus dem Bett, der wenig begeistert davon ist. Sein Plan war eigentlich, sich ganz genüsslich auf den Abend einzustimmen. Und das Letzte, was dazu gehört, ist, sich um heulende Frauen zu kümmern. Aber Marta insistiert und...gewinnt.

Die junge Frau führt Marta und David zu ihrer Behausung, einer dieser 1 x 2m großen Käfige und zeigt den beiden Fotos ihrer zwei kleinen Kinder. Es stellt sich heraus, dass die aus China stammende Frau gerade erst in Hongkong angekommen ist, um den Sanktionen der Ein-Kind-Politik zu entfliehen. Sie benötigt dringend eine Arbeitstelle, um Mann und Kinder nachkommen zu lassen. Da tritt David auf den Plan. Wozu hat man denn gute Freunde! Er verschafft der Frau eine Arbeitsstelle in dem Hotel seines Freundes. Marta ist begeistert von ihrem Chef, was sie ihm in dieser Deutlichkeit aber niemals zeigen würde. Die beiden genießen den Abend und hätten sicherlich auch die Nacht miteinander verbracht, wenn Marta etwas weniger Champagner getrunken hätte.

VERMARKTUNG

Pan Am ist die erste fiktionale Serie, die nicht im Fernsehen, sondern deutschlandweit wöchentlich zu einem einheitlichen Zeitpunkt an „Public- Viewing-Orten“ gezeigt wird und später als DVD in den Handel kommt.

Der große Vorteil ist, dass man durch diese Form der Auswertung erstmalig die Redaktionen der Fernsehsender umschifft und so die Chance hat, ein wirklich innovatives Programm zu erschaffen. Ein Format, das nicht durch X Senderinstanzen völlig weichgekocht und beliebig wird, sondern eine klare Stellung bezieht - sowohl was gesellschaftliche Themen anbelangt, als auch in Form eines eigenwilligen, intelligenten Humors.

©2002, Autor: Marc Omar, Judith Döker